Ghosting

Das Phänomen Ghosting: Wenn geliebte Menschen aus dem Leben verschwinden

Die Trennung von einem geliebten Menschen ist hart. Noch schlimmer ist sie, wenn sich einer von beiden dazu entscheidet, von heute auf morgen aus dem Leben des anderen zu verschwinden. Kein Wort des Abschieds, keine Erklärung. Ob Anrufe, SMS oder WhatsApp Nachrichten – keine Reaktion auf der anderen Seite. Was treibt einen Menschen dazu, sich derart unfair zu verhalten? Wie man lernen kann, als Betroffener damit umzugehen.

Wer eine Beziehung beenden möchte, braucht Mut und Feingefühl. Wann ist der richtige Zeitpunkt? Wie wird der (noch)- Partner reagieren? Ist man in der Lage, die unangenehme Situation selbst auszuhalten?

Den Gedanken, sich aus einer schwierigen Beziehung einfach zu lösen und den Kontakt komplett einzustellen, hat bestimmt jeder schon einmal gedacht. Die modernen Kommunikationsmittel haben es einfacher gemacht, dieser Verlockung auch tatsächlich nachzugeben. Wer sich heute sprichwörtlich aus der Affäre ziehen möchte, braucht dazu oft nur wenige Klicks. Ab mit ihm oder ihr auf die Blockierliste und nie wieder melden, Problem gelöst!

Doch so einfach ist es nicht: Betroffene des Phänomen Ghosting leiden oft massiv unter dem spontanen Kontaktabbruch. Es bedeutet eine enorme Belastung, wenn die Gedanken nur noch um die Frage kreisen, was man falsch gemacht haben könnte, um den anderen zu solch einem Schritt zu treiben. Vor allem Frauen scheinen die unkomplizierte Art des Kontaktabbruchs zur Flucht aus einer unliebsam gewordenen Beziehung oder Affäre zu schätzen. So sollen 36 Prozent aller Single-Frauen mindestens schon einmal einen Partner oder eine Affäre geghostet haben. Das geht aus einer aktuellen Umfrage einer bekannten Datingplattform hervor. Männer verhalten sich im Vergleich dazu deutlich verbindlicher: Glaubt man der Statistik der Partnerbörse, liegt ihr Anteil bei gerade einmal 19 Prozent (Nicht beachtet wurde hier jedoch die Länge der Beziehung, ob dies also ebenfalls für Ghosting in Langzeitbeziehungen gilt, kann nicht gesagt werden).

Ghosting: Aus dem Leben verschwinden hat Folgen

Verlassen zu werden, ist für niemanden leicht zu verdauen. Besonders schlimm sind der Verlust und die Zurückweisung, wenn man verliebt ist oder es sich um eine wichtige Bezugsperson handelt. Ärger und Wut sind normale Reaktionen in solch einer Situation. Neben Ärger und Wut können aber noch ganz andere Gefühle auftauchen, die viel weiter gehen und mehr umfassen, als die tatsächlich, aktuelle Situation.

Traumata können durch Ghosting wieder aktuell werden und in Folge psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen auslösen. Erlebt man Ghosting in einer längerfristigen Beziehung, kann eine neue Beziehung von der Erfahrung des Verlassenwerdens beeinträchtigt werden: Wird der neue Partner einen eines Tages genau so sitzen lassen? Kann man ihm oder ihr wirklich vertrauen? Diese Zweifel können starkes Misstrauen und kontrollierendes Verhalten auslösen und so zu einer erhebliche Herausforderung in einer frischen Beziehung werden.

Wird man von einem geliebten Menschen ohne Vorankündigung verlassen, sind plötzlich viele Fragen da: Warum meldet er sich nicht? Habe ich etwas falsch gemacht? Die Verantwortung für einen Kontaktabbruch liegt immer beim aktiven Part, also auf der Seite desjenigen, der sich einfach nicht mehr meldet und auf Nachrichten oder Anrufe nicht reagiert. Wer einen anderen ohne ein Wort des Abschieds verlässt und ihm jede Möglichkeit für ein Gespräch verwehrt, hat auf jeden Fall selbst massive Probleme, Konflikte auszutragen und auszuhalten.

Diese Feststellung allein bedeutet allenfalls eine kleine Erleichterung, wenn man vielleicht selbst gerade von jemandem auf diese Weise verlassen wurde. Statt sich aber mit der Frage zu quälen, was man selbst falsch gemacht haben könnte, kann ein Blick auf den Ghoster und seinen Charakter helfen, um zumindest langfristig über den Verlust hinwegzukommen. Denn was sagt es über jemanden aus, der andere auf so unfaire Art und Weise aus dem eigenen Leben „entsorgt“?

Angst vor der Trennung auf Augenhöhe als Ursache für einen Kontaktabbruch

Die meisten Menschen, die von heute auf morgen von jemanden verlassen werden fragen sich, ob sie im Vorfeld Anzeichen für den Beziehungsabbruch hätten merken müssen. Ob ein Ghoster einen Beziehungsabbruch jedoch im Vorfeld tatsächlich plant, ist schwer zu beurteilen. Wahrscheinlicher ist wohl, dass er oder sie einfach immer weiter in die ungeklärte Situation verstrickt wird und dann nach dem Motto handelt: Wer gar nichts tut, macht auch nichts falsch!

Wer andere ghostet und sich damit aktiv einem Konflikt entzieht, hat in erster Linie Angst. Solche Menschen haben nur selten gelernt, wie man es aushalten kann, wenn es in einer Beziehung einmal kompliziert wird. Vielen dürfte es ebenfalls schwer fallen, über eigene Wünsche und Bedürfnisse offen zu sprechen und mit Gedanken und Gefühlen anderer „klar zukommen“, sofern diese von eigenen Vorstellungen abweichen.

Lässt sich Ghosting verhindern?

Beziehungen, in denen sich einer von beiden von heute auf morgen nicht mehr beim anderen meldet, haben vermutlich eine entscheidende Gemeinsamkeit: Es wurde nur wenig oder gar nicht über persönliche Bedürfnisse, Wünsche und Vorstellungen miteinander gesprochen. Wer einen Partner ohne eine Wort verlässt, möchte in jedem Fall einen Befreiungsschlag aus einer scheinbar ausweglosen Situation erreichen. Die wirklichen Anlässe für Ghosting können dabei sehr unterschiedlich sein: Neid, Missgunst, sich vom Partner nicht wahrgenommen oder übergangen fühlen, sind nur einige wenige von zahlreichen vorstellbaren Möglichkeiten.

Komplett verhindern lässt sich Ghosting vermutlich nicht. Das Risiko dafür ist aber umso geringer, je mehr Austausch innerhalb einer Beziehung stattfindet. Es kann sich lohnen, die eigenen Beziehungskompetenzen zu trainieren, wenn man es selbst als schwierig empfindet, über Gefühle mit dem Partner zu sprechen.