Verliebt in den Therapeuten

Verliebt in den Therapeuten – und jetzt?

Liebe, Wut, Hass, Trauer, Freude: In einer Psychotherapie dreht sich fast alles um Gefühle. Ein Therapeut ist dabei normalerweise eine Art neutrale Instanz, die hilft, Klarheit in die eigenen Gefühle zu bringen – so jedenfalls die Theorie. Was ist, wenn sich ein Patient in seinen Therapeuten verliebt, oder wenn dies andersherum geschieht? Ist es wirklich Liebe und dürfen beide theoretisch eine Beziehung eingehen?

Ob Verhaltenstherapie oder tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie : Therapeuten sind in aller Regel sehr empathische Menschen. Sie interessieren sich für die Probleme ihrer Mitmenschen, begegnen anderen wohlwollend und verurteilen nicht. So jedenfalls stellen sich die meisten Patienten den idealen Therapeuten vor.

Warum verliebt man sich in Therapeuten?

Patienten lernen Therapeuten in der Regel aber ausschließlich von ihren guten Seiten kennen, zudem als jemanden, der ihnen seine ganze Aufmerksamkeit schenkt. Dass er oder sie privat vielleicht ganz anders ist, dass der Therapeut in Wahrheit sogar schlechte Seiten hat, wie jeder andere Mensch auch, bleibt einem als Patient im Grunde unbekannt.

In therapeutischen Sitzungen kann so leicht der Eindruck entstehen, dass es sich beim Therapeuten doch eigentlich um einen idealen Partner handeln müsste. Sich in solch eine Person zu verlieben, ist nicht gerade ungewöhnlich. Als Menschen folgen wir damit unseren ureigensten Instinkten und unserem natürlichen Bedürfnis nach bedingungsloser Annahme und Geborgenheit.

Verliebt in den Therapeuten – was tun?

„Bin ich wirklich verliebt in meinen Therapeuten? Was wird er tun, wenn er es erfährt? Wird er die Therapie beenden?“ Solche Gedankenschleifen sind typisch für Patienten, die sich in ihren Therapeuten verliebt haben. Obwohl die in der Psychoanalyse so genannte Übertragungsliebe relativ häufig in Psychotherapien vorkommt, spielte das Thema in der Ausbildung früher kaum eine Rolle. Das plötzliche Liebesgeständnis eines Patienten führte darum nicht selten dazu, dass Therapien abrupt beendet wurden.

Heute ist das anders: Mittlerweile hat sich herumgesprochen, dass Gefühle von Verliebtheit keine Seltenheit sind. Sie kommen nicht bei jedem Klienten vor, sie sind aber auch nicht so selten, dass sie als Phänomen ignoriert werden könnten.

In der Praxis hat sich zudem erwiesen, dass solche Gefühle ein enormes Potenzial für den Genesungsprozess haben können. Damit das jedoch genutzt werden kann, ist es notwendig, als Patient solche Gefühle gegenüber dem Therapeuten offen und ehrlich auszusprechen. Den wenigsten fällt das leicht, ist doch bereits der Gedanke daran mit Gefühlen wie Scham und Peinlichkeit verbunden.

Es kann helfen sich selbst bewusst zu machen, dass Therapeuten solche Situationen kennen und weder geschockt, noch abweisend reagieren werden, wenn sie davon erfahren.

Liebe: Ein gutes Zeichen für den Therapieerfolg!

Wenn Patienten zärtliche Gefühle für ihren Therapeuten entwickeln, so ist das immer auch ein Zeichen für das Vorhandensein einer vertrauensvollen Beziehung. Auf dieser Basis kann es dem Therapeuten gelingen, ein tieferes Verständnis für dessen tatsächliche Probleme zu entwickeln. Ein Therapeut könnte daraus beispielsweise ganz nüchtern deuten, dass seinem Patienten Nähe und Geborgenheit im Leben fehlen. Er kann dem Patienten zeigen, wohin seine Empfindungen ihm gegenüber wahrscheinlich gehören und die Verliebtheitsgefühle allmählich auflösen.

Gefühle dieser Art bedeuten nicht selten eine große Qual und innere Zerrissenheit für die Betroffenen. Der Genesungsprozess innerhalb der Therapie kann verhindert werden, wenn ein Patient insgeheim nur noch mit seiner Verliebtheit zum Therapeuten beschäftigt ist. Darüber zu sprechen ist also auch eine Möglichkeit, den Kopf wieder frei zu bekommen und sich mit den Themen zu beschäftigen, aufgrund derer man ursprünglich eine Therapie begonnen hat.

Verlieben sich auch Therapeuten in Patienten?

In einer Psychotherapie verbringen zwei Menschen regelmäßig Zeit zusammen, werden vertraut miteinander und einer von beiden spricht mit dem anderen über sehr intime Dinge. In solch einem Setting kann es passieren, dass sich auch ein Therapeut in einen Patienten verliebt. Der Therapeut ist im idealen Fall eine enge und bedeutsame Bezugsperson für seinen Klienten und spürt, dass ein Patient ihn als Helfer wertschätzt.

Letztlich sind auch Therapeuten nur Menschen. So kann es natürlich passieren, dass ein Therapeut den einen oder anderen Klienten auch körperlich attraktiv findet. Daran ist grundsätzlich nichts Schlimmes, solange der Therapeut seine Wünsche nicht ausleben möchte. In der Ausbildung lernen Therapeuten, wie sie mit ihren Gefühlen umgehen müssen, um sich trotzdem professionell zu verhalten. In einer Supervision klärt ein Therapeut in solchen Fällen zusammen mit einem erfahrenen Kollegen seine Gefühle. Gelingt es trotz allen Bemühens nicht diese Gefühle aufzulösen, wird er seinen Klienten zur weiteren Behandlung an einen Kollegen verweisen.

Die rechtliche Situation: Dürfen Therapeut und Patient eine Beziehung eingehen?

In der Psychotherapie besteht, wie übrigens auch in allen anderen Heilberufen, das sogenannte Abstinenzgebot. Es in der Berufsordnung für Psychotherapeuten festgeschrieben und verbietet einem Therapeuten jegliche intime Beziehung zu seinen Patienten, die sich jenseits der therapeutischen Behandlung und den vereinbarten Sitzungen bewegt.

Ein Therapeut, der dieser Vorschrift zuwider handelt, riskiert den Verlust seiner Zulassung. Das Gesetz ist hier deshalb so streng, weil sich ein Patient hilfesuchend an einen Therapeuten wendet, eine Liebesbeziehung oder Affäre käme demnach dem Missbrauch Schutzbefohlener gleich.

Abstinenz – und wenn beide es wollen?

Als Patient ist man immer auch ein Stück weit abhängig vom Therapeuten. Nicht wenige Therapiepatienten haben jedoch Erfahrungen mit Missbrauch und Abhängigkeit in engen Beziehungen gemacht. Eine Psychotherapie bietet die Chance, eine gegenteilige Erfahrung zu machen. Eine romantische Beziehung zum Therapeuten würde diese Chance zunichte machen, weil dann nicht mehr allein die Bedürfnisse des Patienten im Fokus stünden – das jedoch ist für eine erfolgreiche Therapie unverzichtbar. Ist eine romantische Beziehung tatsächlich von beiden Seiten gewünscht, kann es keine weitere therapeutische Behandlung geben. Auch wenn die gemeinsame Therapie zugunsten einer Liebesbeziehung aufgegeben wird, besteht für den Therapeuten noch immer die Gefahr, berufsrechtliche Probleme zu bekommen. Ein verantwortungsbewusster Therapeut wird sich also kaum auf die Beziehung zu einem Klienten einlassen – schon aus eigenem Schutz.

Fazit: Sich in Therapeuten zu verlieben, ist nicht ungewöhnlich!

Es gibt keine Statistik, die darüber Auskunft geben könnte, wie viel Prozent der Therapiepatienten sich tatsächlich in ihre Therapeuten verlieben. In der Psychotherapie handelt es sich jedoch heutzutage um ein anerkanntes Phänomen, sodass die allermeisten Therapeuten äußerst sensibel auf ein Liebesgeständnis reagieren werden.

Spätestens wenn eine Verliebtheit zum Therapeuten zur Qual wird, sollte man als Patient diese Gefühle thematisieren. Gelingt das nicht innerhalb der Sitzung, so können Gedanken und Gefühle auch zunächst in einem Brief mitgeteilt werden. Denn nur wenn ein Therapeut von ihnen weiß, ist es ihm möglich mit diesen Gefühlen zu arbeiten. Für den Patienten bietet das die Chance, erheblich mehr über sich und seine wahren Wünsche und Bedürfnisse in Erfahrung zu bringen, als es ohne das Auftauchen dieser Gefühle möglich gewesen wäre.