Kinderpsychologie

Kinderpsychologie – Kern der Entwicklungspsychologie

In der Kindheit finden für gewöhnlich die größten Veränderungen im Leben statt. Die Kinderpsychologie ist somit auch in der Erwachsenenpsychologie ein wesentlicher Teilbereich der Entwicklungspsychologie, der sich mit dem Zeitraum von der Geburt bis zur Pubertät auseinandersetzt. In diesem Beitrag beschäftigen wir uns mit der Geschichte und den unterschiedlichen Ansätzen der Kinderpsychologie.

Mit Kinderpsychologie beschäftigt man sich bereits seit dem 19. Jahrhundert, denn im Jahr 1882 erschien der Klassiker die „Seele des Kindes“ von William Thierry Preyer. Nach diesem ersten Werk beobachteten William Stern und Clara Stern systematisch ihre eigenen Kinder und hielten ihre Beobachtungen in Tagebüchern fest. Auch weitere Psychologen studierten anhand ihrer eigenen Kinder vor allem die Entwicklung der Intelligenz von der Geburt bis zum ersten Sprechen.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelte sich dann in Wien die akademische Entwicklungspsychologie durch Charlotte Bühler. Bühler teilte den Lebenslauf in ihrem Buch Der menschliche Lebenslauf als psychologisches Problem in folgende drei Ebenen ein:

  • Biologische Ebene: Physiologische Wachstumsprozesse
  • Biographisch-soziologisch Ebene: Äußere Vorgänge, Ereignissen im Leben eines Menschen
  • Psychologische Ebene: Subjektives Erleben

Erkenntnisse aus über hundert Jahren

In Karl Bühlers Werk Die geistige Entwicklung des Kindes (1918) ist dieser der Meinung, dass bereits bei drei bis vier-jährigen Kindern im Wesentlichen alle Möglichkeiten des späteren Denkens vorhanden sind. Sigmund Freud sprach Kindern außerdem bereits Sexualität zu und behauptete, dass die ersten Jahre der Kindheit entscheidend für das weitere Leben des Menschen sind. Besonders die Behavioristen gehen auch davon aus, dass alle Menschen von Geburt an gleich sind und sich aus jedem etwas Beliebiges machen lassen kann. Ihrer Auffassung nach nimmt die frühkindliche Erziehung somit einen besonders hohen Stellenwert ein.

Der theoretische Entwurf des Lebenslaufs von Erik H. Erikson baut auf dessen klinisch-therapeutischen Arbeit in der Tradition der Psychoanalyse auf. Dieser entwickelte den Freudschen Ansatz der psychosexuellen Entwicklung über die Kindheit weiter. Die Theorie der psychosozialen Entwicklung und das Modell des Lebenszyklus in acht Phasen publizierte er erstmals 1950 in Kindheit und Gesellschaft. Erikson sieht die Entwicklung der Persönlichkeit als Wachstum der Person, als Wachstum des Ich. Dabei sieht er eine vorherbestimmte Abfolge in der sich das Wachstum der Persönlichkeit vollzieht. Bei dieser beruht jede Stufe auf der vorhergehenden.

Entscheidungen in kritischen Phasen

Kinderpsychologie

Gegebenenfalls lohnt sich bereits im Kindesalter die Problemlösung, um dem Heranwachsenden das Weitertragen von Konflikten in zukünftige Lebensphasen zu ersparen.

Jeder Schritt hat jedoch auch eine kritische Phase. Die Entscheidungen dieser Phase wirken sich dann auf den Entwicklungsprozess in der nächsten Phase aus. Bei Erikson ist die psychosoziale Krise ein wesentlicher Punkt. Das bedeutet, die Entwicklung beim Menschen erfolgt über die Lösung von Grundkonflikten. Es gibt für jede Phase des Lebenslaufs typische Grundkonflikte. Die individuelle Entwicklung von der frühen Kindheit bis ins hohe Alter erfolgt somit laut Erikson durch die Auseinandersetzung und Überwindung lebensphasenspezifischer Themen. Das bedeutet wiederum, dass jede Krise aus jeder Phase erst gelöst werden muss, damit man sich richtig entwickeln und mit dem nächsten Problem und dessen Lösung beschäftigen kann. Die Entwicklung der Persönlichkeit wird somit in Form von kritischen Schritten vollzogen, die die Wendepunkte für das Wachstum des Ichs und der Person darstellen.

1930 erschien Alfred Adlers Lehrbuch der Kindererziehung, in dem er die individualpsychologischen Konzepte auf die kindliche Entwicklung und auf die Erziehung in Schule und Elternhaus anwendet. Etwa zur gleichen Zeit begann René Spitz mit der systematischen, psychoanalytischen Erforschung des Säuglingsalters. Er konnte später den Zusammenhang zwischen Störungen in der frühen Mutter-Kind-Beziehung und Erkrankungen des Säuglings beweisen. 1951 veröffentlichte John Bowlby eine Studie über den Zusammenhang zwischen mütterlicher Pflege und seelischer Gesundheit. Walter Toman analysierte die Bedeutung der Familienkonstellationen und ihren Einfluss vor allem auf Kinder, indem er den prägenden Einfluss der Geschwisterpositionen empirisch und theoretisch untersuchte.

Gegenstand der Kinderpsychologie sind durch die Bedeutung dieser Lebensphase meist weniger die kurzfristigen oder aktuellen Veränderungen im Erleben und Verhalten, sondern grundlegende Veränderungen, die einen Wandel in der zukünftigen Umweltanpassung zeigen. Somit macht es Sinn, potentielle Probleme beim Kind durch Experten feststellen zu lassen. Gegebenenfalls kann man dann bereits im Kindesalter mit der Problemlösung starten. Damit erspart man dem Heranwachsenden das Weitertragen von Konflikten in zukünftige Lebensphasen und kann zeitnah handeln.

 

Entwicklungsaufgaben der Kindheit

Von Robert J. Havighurst wurde das Konzept der Entwicklungsaufgaben erarbeitet, wobei die zentrale Idee dahinter ist, dass die Entwicklung als Lernprozess aufgefasst wird, der sich über die gesamte Lebensspanne des Kindes erstreckt. Robert J. Havighurst entwickelte somit die Theorie von Erikson über die psychosoziale Entwicklung weiter und strukturierte den Kindheitsverlauf auch in aufeinander aufbauende Phasen, die charakteristische Anforderungen mit sich bringen inklusive Themen und Problemstellungen, die bewältigt werden müssen. Im Gegensatz zu Erikson sieht Havighurst jedoch nicht nur einen Grundkonflikt, den es zu bewältigen gibt, sondern eine Vielzahl von kleineren Aufgaben, die mehr oder weniger konkret definiert sind.

Im Kern ist die Theorie von Havighurst gekennzeichnet durch das Konzept der Entwicklungsaufgaben nach Charlotte Bühler. Diese ergeben sich aus der biologischen Reifung, den gesellschaftlichen und kulturellen Erwartungen sowie den Ansprüchen und Werten des Einzelnen oder oder Einzelnen. Werden diese Aufgaben nicht richtig gelöst, resultiert daraus Unzufriedenheit im Kind und oftmals eine Missbilligung durch die Gesellschaft. Daraus ergeben sich wiederum Schwierigkeiten bei der Lösung späterer Aufgaben. Eine Abwärtsspirale ist also somit vorprogrammiert. Dieses Phasenmodell hat jedoch den Vorteil, dass es durch seine konkrete Formulierung jeder Phase empirisch gut fassbar erscheint und deutlicher als die Modelle von Erikson und Bühler die Einflüsse der Gesellschaft bei der Entwicklung berücksichtigt.

Als die drei grundlegenden Quellen für Entwicklungsaufgaben gelten physische Reifung, gesellschaftliche Erwartungen und individuelle Zielsetzungen und Werte. Die Entwicklungsaufgaben stellen somit ein Bindeglied dar zwischen individuellen Bedürfnissen und gesellschaftlichen Anforderungen.

Entwicklungsphasen der Kindheit

Die wichtigsten Entwicklungsphasen der Kindheit sind zusammengefasst:

Frühe Kindheit (0-2 Jahre)

  • Anhänglichkeit
  • Motorische Funktionen
    • Beispiele: Greifen, Krabbeln, Gegenstände wiedererkennen

Kindheit (2-4 Jahre)

  • Selbstkontrolle
  • Verfeinerung motorischer Funktionen
    • Beispiele: Gehen lernen, Kontrolle über die eigenen Körperausscheidungen

Übergang zum Schulalter und frühes Schulalter (5-7 Jahre)

  • Identifikation mit Geschlechterrollen
  • Treffen einfacher, moralischer Entscheidungen
  • Spiel in Gruppen
  • Beginn des Lesens und Schreibens

Mittleres Schulalter (6-12 Jahre)

  • Entwicklung des Selbstbewusstseins und sozialer Kooperationen (typische „Cliquen“-Bildung an Schulen)
  • Erwerb neuer Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben, Rechnen, Vor-Publikum-Sprechen

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